
Der Tankwart im libyschen Al Katrun begrüsst uns freundlich. Nein, Diesel könne er uns leider nicht verkaufen, vielleicht wieder in einigen Tagen, so Allah will. Dies allein kann uns jedoch noch nicht von unserem Vorhaben abbringen, zu den Wenigen zu gehören, die seit zwanzig Jahren erstmals wieder in das sagenumwobene Tibesti-Gebirge im Nord-Tschad reisen.
Unsere Tanks sind noch fast voll, denn wir hatten schon 150 km vor Al Katrun alle Reserven aufgefüllt. Eine weise Entscheidung, wie wir nun feststellen. Sadok, unser Guide, kommt mit schlechten Neuigkeiten aus dem Ort zurück: die ca. 100 einheimischen Geländewagen, größtenteils blaue Landcruiser Pick-ups, die uns auf einem Grundstück am Ortsrand aufgefallen waren, sind beschlagnahmte Privatfahrzeuge. Der Polizeichef sitzt selbst im Gefängnis. Die libyschen Behörden versuchen offenbar, den Schmuggel staatlich subventionierter Güter in den Tschad zu unterbinden. Die Grenze ist dicht, auch für Touristen. Nach einigem Verhandeln ergibt sich dann aber doch eine Möglichkeit, und wir machen uns auf den Weg, das Sarir Tibesti zu queren, eine endlos erscheinende Kieselebene. Begleiten wird uns Sidi, ein nigrischer Tubu, mit dem Sadok bereits im Frühjahr auf der gleichen Strecke unterwegs war.
Mit 80 Km/h überqueren wir den Wendekreis des Krebses, für die obgligatorische Feier bleibt uns leider keine Zeit, und schon kurz darauf erreichen wir die Grenze, die hier 1994 von der UN mit dem Lineal gezogen wurde.
Bald tauchen am Horizont die ersten Ausläufer des Tibesti mit bizarren Felsformationen auf. Wind und Sand haben sich hier jahrtausendelang als Landschafts-Architekten betätigt. Im Windschatten eines Felszuges schlagen wir unser erstes Nachtlager im Tschad auf.
Am nächsten Morgen machen wir einen Abstecher in ein Seitental zu Felsgravuren. Als wir später wieder auf der Piste Richtung Zouar sind, gibt Sadok plötzlich über Funk die Anweisung, wir sollen warten, und gleich darauf wird es uns etwas mulmig, als wir den Grund entdecken:
Hinter einem Fels versteckt steht ein beiger Landcruiser Pickup, umgeben von etwa 15 finster dreinblickenden Gestalten in miliärischem Outfit.
Sind es Tubu-Rebellen, die es auf unsere Geländewagen abgesehen haben? Der Niger ist nicht weit, und dort kommt es immer wieder zu Überfällen. Ihre Kalaschnikows lassen jedenfalls keinen Zweifel daran aufkommen, daß sie es Ernst meinen, als sie uns herüberwinken. Eine Flucht wäre mit unseren schwerbeladenen Autos völlig sinnlos. Sadok und Sidi fahren langsam auf sie zu, während wir in einigem Abstand gespannt warten. Kurze Zeit später kommt die Entwarnung, es handelt sich um eine Militärpatroullie, hat vielleicht jemand Bier oder Zigaretten?
Wir folgen weiter der Piste durch einen wunderschönen Canyon. Malerisch verteilt liegen hier die Wracks einiger libyscher Panzer und Lastwagen, zerstört durch die französische Luftwaffe bei der Vertreibung von Oberst Ghaddafis Truppen aus dem Nord-Tschad im Jahre 1987. Erst vor zweieinhalb Jahren hat Libyen den Aouzou-Streifen endgültig geräumt. Zurück blieben grosse Mengen Militärschrott und vor allem Panzer- und Personenminen, die auch heute noch für Todesfälle sorgen. Hier müssen wir strikt in den vorhandenen Spuren bleiben.
"Zouar, Porte de Tibesti, vous souhaite bienvenue" verheisst das grosse Schild am Ortsrand. Während sich Sadok um die Erledigung der notwendigen Meldeformalitäten kümmert, warten wir im Schatten einiger Palmen. Für die Belegschaft der örtlichen Militärgarnision sind wir eine willkommene Abwechslung, vor allem Buddy, unser Dobermann, fasziniert sie, streicheln möchten sie ihn aber dann lieber doch nicht.
Es gelingt uns, auf dem Schwarzmarkt zwei Fässer Diesel aufzutreiben. Die Grenzschliessung Libyens bleibt nicht ohne Auswirkungen auf den Preis, der umgerechnet etwa 1,60 DM pro Liter beträgt.
Es dauert einige Zeit, bis die 400 Liter Treibstoff auf die Autos verteilt sind, denn eine Pumpe gibt es hier natürlich nicht. Stattdessen müssen wir mit Schlauch, Kanister und Wasserabscheidetrichter hantieren, wobei die von uns angeheuerten Helfer auch noch große Mengen des teuren und knappen Treibstoffs nutzlos im Sand versickern lassen.
Wir verlassen Zouar, den südlichsten Punkt unserer Reise, fahren ein Stück weit zurück und nehmen Kurs in Richtung des 3315 Meter hohen Pic Tousside. Mühsam quälen sich unsere Fahrzeuge über messerscharfes Geröll und grosse Felsblöcke, erklimmen halbmeterhohe Stufen oder rumpeln durch staubgefüllte Löcher und Spurrillen. Immer wieder beissen heimtückische Steine nach unserem Landy, zum Glück ohne Schaden anzurichten. Das EXTREM-Fahrwerk und der massive Unterfahrschutz machen sich mehrfach bezahlt. Kurz vor Sonnenuntergang zeigt der Höhenmesser 2200 Meter ü.NN an, als wir den Rand des Trou du Natron erreichen, für mich das Highlight dieser Tour. Vor etwa zwei Millionen Jahren entstand hier durch einen Vulkan eine sogenannte Explosionscaldera, ein gigantischer Krater mit sechs Kilometern Durchmesser. 800 Meter tief fallen die Felswände rundherum fast senkrecht ab. Aus dem mit Natron-Salz bedeckten Kratergrund erhebt sich ein neuer kleiner Vulkankegel.
Erst wenige Europäer waren bisher an diesem extrem unzugänglichen Ort, und eine noch geringere Anzahl hat den schwierigen Abstieg gewagt - klar, daß wir uns am nächsten Morgen diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, und Buddy wartet jetzt auf seinen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde: der erste Hund im Trou du Natron.
Es wird Nachmittag, bis wir wieder in unserem treuen Disco platznehmen können, der uns auf etwas besserer Piste weiter Richtung Nord-Osten bringt, wo schon die nächste Sehenswürdigkeit auf uns wartet.
Das Enneri Gonoa gilt als eine der weltweit bedeutensten Ansammlungen von Felsgravuren aus der Jägerepoche. Mehrere hundert Darstellungen von Wildtieren entstanden hier vor ca. 8000 Jahren, die berühmteste ist "Der Mann von Gonoa", das lebensgroße Bild eines Jägers mit geschulterter Keule. Wir sind heute allerdings schon zuviel gelaufen, als daß wir diese Felsgalerie noch entsprechend zu würdigen wüssten.
Unser Weg führt uns weiter nach Bardai, der "Hauptstadt des Tibesti". 1974 entführten hier Aufständische eine Französin und den deutschen Arzt Dr. Staewen, der sich um die medizinische Betreuung der Einheimischen kümmerte. Die Frau des Arztes wurde erschossen, er selbst kam gegen ein Lösegeld frei. Heute ist sein ehemaliges Haus die Unterkunft für einen Trupp des französischen Militärs, der mit der Minenräumung beschäftigt ist. Im Innenhof können wir die Trinkwasserkanister auffüllen und die drei defekten Reifen unseres Konvois reparieren - Tribut an die mörderischen Pistenverhältnisse der letzten Tage. Unsere Michelin X4x4 scheinen hier allerdings ebenso in ihrem Element zu sein wie die BFG AllTerrains von Klaus, denn bisher konnten wir uns darauf beschränken, den anderen beim Reifenwechseln zu helfen.
Als wir später auf dem Markt unter reger Anteilnahme der Bevölkerung den mageren Inhalt zweier Dieselfässer in unsere Tanks umfüllen, ertönt ein brummendes Motorgeräusch, und im gleichen Moment saust in fünfzig Metern Höhe eine Transall über uns hinweg, bevor sie auf einer etwas entfernten Buschpiste landet. Einmal pro Woche kommt die Maschine aus der 1500 km entfernten Hauptstadt N´Djamena, beladen mit Nachschub für die Franzosen.
Immer wieder rechne ich zusammen, wieviel Treibstoff sich noch in unseren drei Tanks befindet, kalkuliere den durchschnittlichen Verbrauch der letzten Tage, um unsere Reichweite abschätzen zu können. Den anderen Teilnehmern geht es genauso, es wird bei allen knapp werden. 1000 Kilometer ohne Versorgungsmöglichkeit liegen vor uns, als unsere kleine Karawane aus Bardai herausfährt. Damit nicht genug, grosse Abschnitte dieser Piste sind massiv vermint, die Überreste eines Landcruisers zeigen deutlich, welche Folgen ein Verlassen der Fahrspuren haben kann.
Wir folgen einem sandigen Wadi nach Norden, überqueren noch einige Berge und erreichen wieder die Ebene des Sarir Tibesti und damit auch das besonders heikle Grenzgebiet, das wir möglichst schnell hinter uns lassen wollen. "Könnt Ihr einen Moment auf mich warten?" Rudi hat sich für diese Bitte einen denkbar ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht. Gerade haben wir die Verbindungspiste zwischen zwei libyschen Grenzposten gequert, und der Untergrund ist hier zu weich, als daß wir problemlos anhalten könnten. Auf unsere Frage nach dem Grund bleibt das Funkgerät still, und so fahre ich eine weitläufige Acht, doch von Rudis "G" fehlt jede Spur. Sollte er hier vom libyschen Militär aufgegriffen werden, so würde uns das mindestens einen Tag kosten, egal ob mit oder ohne "Sondergenehmigung". Von einer steinigen Anhöhe aus suchen wir mit dem Fernglas die Umgebung ab. Sand und Steine, sonst nichts. Endlich haben wir wieder Funkverbindung, und wir geben ihm unsere Koordinaten durch. Er hatte angehalten um einen GPS-Punkt zu markieren und dann unsere Spuren verloren. Ohne Funk hätte diese Situation äusserst gefährlich werden können.
Als unsere Gruppe wieder vollständig ist, stossen wir mit Willis letztem Ouzo auf unsere gelungene Tibesti-Tour an. Aber nicht zu ausgiebig, denn vor uns liegen noch einige hundert Kilometer bis zum Waw en Namus.
Reise-Infos Tibesti
Achtung: Die hier gegebenen Informationen allein reichen nicht aus, um eine Reise ins Tibesti durchzuführen und erfolgen ohne Gewähr.
Land:
Das Tibesti im Nord Tschad gehört zu den unzugänglichsten Gebieten der Erde. Umgeben von Sand- und Kieswüsten, erhebt sich das höchste Gebirge der Sahara auf bis zu 3415 Meter ü. NN. Nur etwa 4000 Tubu leben hier auf einer Fläche von 100.000 Quadratkilometern zwischen dem Niger im Westen, Libyen im Norden und dem Sudan im Osten.
Sicherheit:
Die politische Situation zwischen Libyen und dem Tschad erscheint nach jahrelangem Krieg momentan stabil. Dennoch können sich, wie fast überall in Afrika, die Verhältnisse vor Ort jederzeit ändern.
Minen:
Weite Teile des Tibestis wurden vermint, entweder von Libyen oder vom Tschad. Wer keine genauen Informationen über die gefährlichen Bereiche hat, geht hier ein hohes Risiko ein. Nur hin und wieder weisen Steinmännchen und mit "MI" beschriftete Steine auf die Gefahr hin. Grundsätzlich ist daher die Mitnahme eines ortskundigen Führers notwendig. In verminten Gebieten hält man sich strikt an vorhandene, frische Fahrzeugspuren. Ist man zu Fuss unterwegs, so gilt dies ebenfalls. Auch wo viele Tierspuren sind, besteht im allgemeinen keine Gefahr. Daß man nicht herumliegende Panzergranaten und Munition als Souvenir mitnimmt, sollte selbstverständlich sein.
Fahrzeugvoraussetzungen:
Für eine solche Reise sind mindestens zwei Fahrzeuge mit voller Sahara-Ausrüstung und GPS notwendig, mit einer minimalen Reichweite von 1000 km in schwerem Gelände ohne Versorgungsmöglichkeit. 200 Liter Diesel sollten daher mindestens an Bord sein, Benziner entsprechend mehr. Insbesondere das Fahrwerk und die Reifen werden extrem belastet. Ein perfekt vorbereitetes Fahrzeug vermeidet unnötigen Ärger. Ersatzteile sind im Tschad fast unmöglich zu beschaffen, am ehesten noch für Toyota und Land Rover.
Versorgung unterwegs:
Im Tibesti ist praktisch keinerlei technische oder medizinische Infrastruktur vorhanden. Verpflegung sollte von zuhause mitgebracht werden, denn selbst einfache Grundnahrungsmittel können höchstens in Zouar oder Bardai erstanden werden. In diesen Orten besteht auch die einzige Möglichkeit, Treibstoff zu kaufen. Es ist zu erwarten, dass sich die Versorgungslage weiter verschlechtert, sollte die Grenze zu Libyen geschlossen bleiben. Gutes Trinkwasser kann dagegen relativ oft an Brunnen und Wasserstellen aufgefüllt werden (40 Liter Vorrat pro Person sollten dennoch einkalkuliert werden).
Karten:
Übersichtskarten- Michelin 953 Nord- und Westafrika, 1:4 Mio.; Geo Projects Libya 1:3,5 Mio.; Institut Geographique National, Tchad, 1:1,5 Mio.; ONC J4, 1:1 Mio.
Detailkarten: Russische Generalstabskarten NF 33r Zouar und NF 33b EI Melagi, jeweils 1:500.000 ; TPC J4A, 1:500.000.
Mittlerweile sind vom Tschad auch russische 1:200.000er Karten erhältlich.
Visa:
Botschaft der Republik Tschad, Basteistr. 80, 53173 Bonn, Tel. 0228/356026
Veranstalter:
Unsere Tour fand im Nov. 96 unter der Leitung von Sadok Kechicheb (SARO-Expedition) statt. Sich in die Obhut eines erfahrenen Reiseveranstalters zu begeben ist meines Erachtens nach die derzeit einzige sichere Möglichkeit, das Tibesti zu bereisen. Bei der Auswahl ist darauf zu achten, daß der Guide bereits vor Ort war.
Der Link zum Veranstalter
WWW.SARO-EXPEDITION.DE